Auf dem Henkersteg
Dienstag, 27. April 2010 15:24
Der Henkersteg ist eine alte und überdachte Brücke aus massiven, zerfurchten, teilweise von ockergrünlichem Moos bewachsenen Holzbalken, die von ihren Besuchern mit eingeritzten Namen und Liebesbekundungen geschmückt wurde. Die Maserung ist tief, teilweise ist das Holz ein oder zwei Zentimeter tief gespalten. Durch die Rillen im Holzfußboden, der unter den Schritten der Passanten vibriert und mit dicken, walnussgroßen Eisennieten beschlagen ist (die wie poliert blinken, obwohl sie rundherum rostig und obenauf geschwärzt sind), sieht man den grünen, spiegelnden Fluss, die Pegnitz.
Die Pegnitz ist zu trüb, als dass man ihren Grund sehen könnte. Blau spiegelt sich der Himmel in ihr, am Rande ein waberndes Haus, eine Allee von Bäumen, über deren Äste der Frühling bereits hellgrünes Konfetti gestreut hat, die senkrecht abfallende Sandsteinmauer, die gegenüberliegende steinerne Maxbrücke und die Trauerweide, die sich, in der grünbraunen Inselzunge des Henkershauses wurzelnd, weit über das Wasser beugt, als wollte sie ihr üppiges Haar waschen.
Rostbraune Blätter treiben über das Wasser, ziehen gleichmäßig dahin, den Enten nach, die unter der Trauerweide hindurch paddeln. Ich sehe noch grüne Samen auf dem Wasser, die ein Baum verloren hat, der weiter flussaufwärts steht. Das Wasser reflektiert das Licht der Abendsonne auf die Dachbalken der Brücke, ein lebendiger, nie still stehender Schimmer ist dort zu sehen, und ein gezahnter, bewegungsloser Schatten vom Überhang des Satteldaches direkt darunter auf den abgescheuerten Brettern.
Im Gebälk gurren die Tauben so laut, dass sie nicht zu überhören sind; jetzt sind sie still, stumm wie das Brückengemäuer gegenüber. Das hießige ist nicht ruhig. Unter dem Dach des Henkerstegs rumpelt, brummt, hallt, pocht, zittert, zwitschert, gurgelt und gurrt es unermüdlich. Das Holz saugt die Schrittgeräusche aller Passanten auf, die schleppenden, schleifenden, spazierenden, eiligen, selbstbewussten, strauchelnden, strikten, verkrampften, alterssteifen und schleichenden. Es saugt sie auf und erinnert sich ihrer.
Alle Geräusche der Altstadt ziehen hier vorbei. Das ferne Rauschen einer Schnellstraße ist zu hören, das Brummen eines Motorrads, das Pfeifen eines Frühlingsboten, das Hupen von Rädern auf Pflasterstein, Stimmengewirr, Hundegebell, jenseits der gegenüberliegenden Maxbrücke ein kleiner aber breiter Wassersturz, streitende Vögel und Balzgesang. Wieder gurren die Tauben und in der Ferne läutet ein Kirchturm sechs Uhr. Jetzt, im goldenen Abendlicht, kommen die Mücken heraus, und während die Enten schnatternd vorbei fliegen, wird es auch kühler.
Schade, das meine Zeit so knapp bemessen ist. Jeder Besuch in Nürnberg lohnt sich und ich freue mich dieses Jahr auf viele weitere Nachmittage in der mystisch anheimelnden Altstadt mit ihren sieben Brücken, zahllosen Brunnen, starken Mauern und restaurierten Fachwerkhäusern.
Sie ist und bleibt für mich die schönste Stadt Deutschlands.
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